3 / 2003

Rundschreiben 3 / 2003

Inhalt:
Wo ist Martin?
Gesprächsfetzen vom Stammtisch
Philatelie & Post
Nachtrag Sommerfest
Das Einhorn
Briefmarkenkauf
Die Mauritius
 

Wo ist Martin?

Habe gestern eine Karte von Martin aus Polen bekommen. Kann nicht sein, meines Wissens ist er noch irgendwo in der ex-DDR und wartet auf sein Visum für Königsberg. Nee, Jungs, der Martin muß schon weiter sein, schließlich hat er mir aus Estland und Lettland geschrieben. Bei mir kam eine Karte aus Azerbeidschan an, mit Weihnachtsgrüssen drauf und am 7. Juli abgestempelt. Mittwoch hat er mir aus St. Petersburg geschrieben, daß es dort regnet und er keinen Markenhändler findet. Mir hat er einen tollen Beleg aus Grönland geschickt, den will er aber wiederhaben. Ja, wie kann es denn sein, daß ich letzte Woche ein Einschreiben aus Moldawien von ihm bekommen habe ? Am Samstag habe ich seine Frau am Wochenmarkt getroffen, das Wetter in Finnland ist sehr schlecht und Martin will in den Süden fahren. Was versteht Martin unter Süden, die Ukraine, Griechenland oder Gibraltar ? Nee, Griechenland nicht, da war er im April. Werden wir ja sehen, woher seine nächste Post kommt.


Gesprächsfetzen vom Stammtisch

Ich glaube, mein Gürtel ist eingelaufen. Hast Du schon wieder zugenommen ? Nein, habe nur weitere Hose an, das ist bequemer. Wie wars im Urlaub ? Fürchterlich, viel zu heiß, aber prima Bauerngasthaus gefunden, da gab es riesige Portionen. Fahre jetzt jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Fahrrad, meinen Bauch habe ich immernoch, aber meine Waden sind dicker geworden. Bier macht  dick. Nein, Wein macht dicker, weil der mehr Alkohol hat. Hast ne ganz schöne Wampe bekommen. Fühle mich trotzdem wohl, nur zum Sockenanziehen muß ich mich jetzt hinsetzen. Mache gerade Diät, bringen Sie mir bitte einen ordentlichen Schweinsbraten ohne Kartoffeln und drei Kugel Eis ohne Sahne. Trinke statt Wein nur noch Weinschorle. Wieviel ? Na, so drei bis vier. Kein Wunder, daß Du zunimmst, wenn Du Dich nicht bewegst. Stimmt nicht, war gestern zufuß zur Eisdiele.


Philatelie & Post

Die wichtigsten Entwicklungen sind bekannt: Sondermarken gibt es nur noch in „Service-Packs“, also in Heftchen oder Kleinbogen. Rollenmarken werden ganz abgeschafft. Der normale Postversand erfolgt mit EDV-Labels am Schalter sowie durch frei wählbare Wertstufen am Wertzeichendrucker. Im Posteingang sind praktisch keine Briefmarken mehr zu finden.

Briefmarkensammeln wird also in zunehmenden Maßen unmöglich. Die meisten von uns haben irgendwann mit den bunten Briefmarken aus der täglichen Post angefangen. Wenn es diese bunten Bildchen nicht mehr gibt, dann wird der Sammler-Nachwuchs ausbleiben. Der Philatelist aus Sicht der Post verkommt zum Bezieher (angeblich) postalischer Produkte von der Versandstelle für Sammlermarken.

Nicht nur der Neueinstieg in die Sammlerei wird sich völlig verändern, auch der Handel muß sich umstellen. Fehllistenerledigung und Verkauf von Kiloware wird es kaum noch geben. Der stationäre Handel wird zum Erliegen kommen. Auswirkungen auf Auktionsfirmen sind bereits heute zu spüren, ständig werden über 60.000 philatelistische Stücke allein bei ebay angeboten. Bei einer Angebotsdauer von sieben Tagen bedeutet das schlichtweg, daß allein hier mehr als 3,1 Millionen (!) Auktionslose im Jahr aus dem Bereich der Philatelie angeboten und meist auch verkauft werden.
Die wirklich rührenden Bemühungen der organisierten Philatelie um die Jugend gehen an der heutigen Realität vorbei, denn sinnvoll wäre es, dem sammelnden Jugendlichen Hilfestellung, Anleitung und Unterstützung zu geben. Wenn es jedoch keine Anfänger mehr gibt, wer soll dann unterstützt werden ? Die organisierte Philatelistenjugend hat im Jahr 2002 etwa 25% aller Mitglieder verloren. Und damit ebenso 25% unserer potentiellen Nachfolger. Wer wird sich noch für meine Dubletten interessieren ? Oder eines Tages für meine Sammlung ?

Häufig findet man in der Verbandszeitschrift „Philatelie“ Berichte von elitären Briefmarkensalons in Montecarlo, Einladungen zu exclusiven Mittelmeerkreuzfahren für wohlhabende Philatelisten. Im Frühjahr 2003 wurde in der „Philatelie“ eine rege Debatte über die Notwendigkeit von elitären Sammlerzirkeln geführt. Auch auf der Titanic wurde bis zum letzten Augenblick Champagner getrunken und getanzt. Gewiss, sehr sehr viel Kapital gepaart mit sehr viel Sachverstand und viel Beziehungen, das hat großartige Sammlungen entstehen lassen. Wenn jedoch keine nachrückende Sammlerschaft da ist, dann bleiben für die wirklich bedeutenden Sammlungen nur zwei Möglichkeiten: entweder landen sie als Stiftung in irgendeinem Museum oder sie werden aufgelöst und gelangen damit nicht in die Hände von Philatelisten, sondern in den Safes von Kapitalanlegern. Siehe Bordeaux-Brief.

Die übliche 20%-Formel aus der Wirtschaft:  20% aller Azubis werden irgendwann Abteilungsleiter, 20% aller Abteilungsleiter werden Filialleiter, 20% aller Filialleiter werden Direktoren, und 20% aller Direktoren werden irgendwann Vorstand.

Übertragen auf die Philatelie hiesse das: 

1.000.000 bezeichnen sich als Gelegenheitssammler
   200.000 sammeln intensiv
     40.000 würden in einen Verein gehen
       8.000 haben eine ernstzunehmende Sammlung
       1.600 haben eine echte Ausstellungs-Sammlung
          320 besitzen eine Sammlung nationaler Bedeutung
            64 haben international bedeutsame Sammlungen
            13 halten sich für elitär
              3 geniessen und schweigen (Boker, Queen, Reichspostmuseum etc)

Ergo: Damit es eine Spitze geben kann, ist eine Basis notwendig. Wir in den Vereinen kämpfen an zwei Fronten: um die 200.000 Intensivsammler, um davon 20% in die Vereine zu bringen, und um die 40.000 Vereinsmitglieder, damit wenigstens 8.000 davon sich für die nächste Stufe qualifizieren.  Wenn jedoch der erforderliche grosse Topf an Gelegenheitssammlern wegbricht, weil es einfach keine Gelegenheit zum Sammeln mehr gibt, dann braucht man sich um die nächsten Ebenen auch keine Gedanken mehr machen.

Wenn der tägliche Gebrauch von Briefmarken die Rationalisierungsanstrengungen der Post nicht überlebt hat, welchen Sinn soll dann noch das Engagement der organisierten Philatelie für einen „Tag der Briefmarke“ haben ? Von vergangenen Zeiten träumen kann man immer, dazu braucht man keinen Gedenktag.


Nachtrag Sommerfest

Irgendwie ist der finanzielle Teil beim Sommerfest schiefgelaufen. Dank vieler Spenden war die Zuschuss-Kasse gefüllt, doch sind wir unsere Zuschüsse nicht losgeworden. Am Essen hat nichts gefehlt, die (herrliche) Nachspeise war in der Pauschale enthalten und wurde ständig nachgeliefert, die zwei Runden „Verdauungsmedizin“ kamen vom Wirt. Nach dem reichlichen Essen wollte auch niemand mehr eine Käseplatte. Also blieben uns nur die kleinen Umschläge für die Auktionseinlieferer (rund 50€), der Damenwein (110€) und ein paar andere Kleinigkeiten. Wir werden das restliche Geld für die Feierlichkeit Ende November verwenden. Einverstanden ?


Das Einhorn

Ich komme mit einem netten Ehepaar ins Gespräch. Beide sind begeisterte und engagierte Sammler von Einhörnern. In jeglicher Form: als Literatur, als Figuren, als Abbildung. Und selbstverständlich auch auf Briefmarken und Belegen. Der Händler in München könnte ihnen die Marken besorgen, wenn sie die Michelnummer angeben. Aber selbst in der Philatelistischen Bücherei im Gasteig gibt es keine Verzeichnisse über Einhörner auf Briefmarken. Also: Wer hat Einhörner zuhause ? Oder wer kann Tipps geben ? Übrigens: Enten, Bäume und Adel werden im Verein auch gesammelt. Zum Spaß, von Ehefrauen von Mitgliedern.


Briefmarkenkauf

Ein kleines Postamt auf Kreta. Alle 4 Schalter besetzt (!). Auf griechisch frage ich, ob jemand deutsch oder englisch versteht. Eine nette Dame am Schalter spricht ein wenig englisch und ich kann ihr klarmachen, was ich möchte: die aktuellen Europa-Marken. Leider gibt es keine Sondermarken, nur einen (schier endlosen) Satz zur Olympiade 2004 in Athen. Schade. Beim Hinausgehen fällt mein Blick auf einen Schaukasten mit Sets für Sammler. Eine Steckkarte mit einem Mitläufersatz und eine Steckkarte mit einem Mitläufer-Block werden angeboten. Zuständig ist der würdige Herr, offensichtlich der Filialleiter. Der Satz kostet 7,11€, der Block auch. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, daß die Nominale des Blockes bei rund 14€ liegt. Das Schnäppchen witternd möchte ich einen Satz und 10 Blocks. Leider ist jedoch nur je ein Exemplar vorrätig. Also: 7,11 plus 7,11 macht 14,22€, bezahlen und gut ist. Denkste. Umständlich wurde ein Buch herausgekramt, penibel Kohlepapier eingelegt, und dann wird ausgefüllt. Exakte Beschreibung der gekauften Gegenstände. Allerlei sonstige Bemerkungen. Mit dem urdeutschen Namen „Lippoldes“ kam der Postler klar, er hat ihn Buchstaben für Buchstaben abgemalt. Bei meiner Anschrift wollte ich ihm das „Fürstenfeldbruck“ nicht zumuten, und wir haben uns im freundlichen Einvernehmen auf „Tourist“ geeinigt. Die Nebenrechnung auf einen Schmierzettel ergab tatsächlich 14,22€ und die wurden sehr ordentlich auf das Formular übertragen. Irgendwann war der gute Mann fertig und ich durfte bezahlen. Natürlich am Schalter, wo mir wiederum sehr langsam, exakt und penibel eine entsprechende Quittung ausgefüllt wurde. Höflich habe ich mich mit einem „Bis zum nächsten Jahr“ verabschiedet. Hoffentlich hat man das nicht als Drohung verstanden.


Die Mauritius

Herr Heinrich Franz von Ohnegleichen
der sammelte gern Postwertzeichen
mit Zähnen und glatten Rändern
aus Übersee und andern Ländern
und klebte sie - alle vereinigt,
jedoch geordnet und gereinigt -
ins Album, wie man das so muß !
Nur fehlte die Mauritius !

Was hatte er nicht unternommen,
um diese Marke zu bekommen !!!
Ja, selbst als er der Minne frönte
mit Minna, die ihn arg verwöhnte,
so fragte er bei jedem Kuß:
„Hast du nicht die Mauritius ?“

Bald brachte beiden Adebar
ein Kind, das zwar ein Mädchen war,
doch Heinrich faßte den Entschluß:
„Die nennen wir Mauritius !
Gewiß, der Name paßt nicht recht
fürn Kind von weiblichem Geschlecht -
doch sei`s! Zu End sei der Verdruß:
ich habe eine Mauritius !“

Sehr früh schon ging das Mädchen gern
in Bars, damit es tanzen lern
und dadurch körperlich erstarke !
Na, sie wurde vielleicht ´ne Marke ---

Heinz Erhardt  1909-1979