Vereinsleben

Aus dem Vereinsleben:

Der Vorsitzende

Vor einigen Jahren habe ich Ihnen geschildert, was die Damen und Herren Philatelisten an den Tauschtagen treiben. Nun will ich die Gelegenheit nutzen, um in Ihnen ein wenig Verständnis für die Sorgen und Nöte eines Vereinsvorsitzenden zu wecken. Sie werden fragen, was der eigentlich für eine Aufgabe hat. Nun, das weiß er selbst nicht so recht, also versuchen wir es mit einigen Beispielen:

Ein Vereinsvorsitzender muß den Verein repräsentieren. Das kann er am besten auf dem Neujahrsempfang des Bürgermeisters. Nach mehrstündigem konzentrierten Zuhören bei Reden und Ehrungen stürzt er sich zusammen mit ganz vielen anderen wichtigen Persönlichkeiten des Vereins- und Wirtschaftslebens auf das schlechteste kalte Buffet aller Zeiten: Angetrocknete Billigwurst auf alten Baguette. In der langen Schlange zum Getränkeausschank trifft er die gleichen Leute wieder, die schon am Buffet standen, so lernt man sich kennen. Mit zäher Ausdauer wird ein Bier ergattert, die ausgedörrte Kehle freut sich. Damit wurde genug repräsentiert und der Vorsitzende geht erschöpft heim.

Ein Vereinsvorsitzender muß organisieren. Meist beginnt die Organisation mit einer unausgegorenen, besser gesagt: blöden, Idee eines anderen. Dann wird so lange organisiert, bis nur der Vorsitzende weiß, was er eigentlich wollte. Auf dem Wege zum Ziel hinterläßt er eine breite Spur von entnervten Gesprächspartnern, überlasteten Helfern und Offiziellen, die ihr Amt niederlegen wollen. Die organisierte Veranstaltung wird ein Reinfall, wird jedoch der Presse als überragender Erfolg verkauft, der nur zustande kam, weil der Vorsitzende ein hervorragender Organisator ist.

Ein Vereinsvorsitzender muß über den Dingen stehen. Man ist nicht in ein so wichtiges Amt gewählt worden, um sich mit den Niederungen des Alltags zu beschäftigen. Zwischen Telefonaten wegen der Bestuhlung eines Saales, Entwicklung einer neuen Satzung und der (vergeblichen) Suche nach seinem Kassier erfährt man am Rande, daß man Großvater wird. Hier zeichnet sich der gute Vorsitzende aus, denn statt sich um solche Banalitäten wie Enkelkinder zu kümmern muß unbedingt geklärt werden, ob das Rundschreiben am Dienstag oder am Mittwoch veröffentlicht wird. Unseren Umzug hat meine Frau ganz alleine durchgeführt, denn der Herr Vorsitzende mußte leider zu einer wichtigen Philatelisten-Tagung. Vereinsinteressen haben selbstverständlich über den Privatinteressen zu stehen. Oder, wie Konfuzius (?) sagte: diene, diene, diene.

(Rede anläßlich Jahresabschlußfeier 2001)